Rückreise

Reisen ist ja nicht gleich Urlaub, also beschreibt die Reise möglicherweise auch den Weg zum Urlaubsort. Die Rückreise könnte also den Rückweg zum Heimatort beschreiben. So eine Rückreise ist also im einfachsten Fall nur der Reiseweg in Umkehrrichtung.

Ich versuche mich einmal an einer einfachen Definition:

Urlaub könnte von Erholung geprägt sein und Reisen von Erlebnissen.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit

Es besteht – nach der Definition – also durchaus die Möglichkeit, dass, auch wenn die Reise zum Urlaubsort hin Erlebnisarm war, auf der Rückreise unerwartete Erlebnisse eintreten könnten.

Mit der roten Warnleuchte, die mich über den ungewöhnlichen Druckabfall der Reifen meines informierte begannen also die Erlebnisse meiner kürzlichen Rückreise von denen ich erzählen will.

Nun kommt es häufiger in der Mensch-Maschine-Kommunikation vor, auch auf Reisen mit dem PKW, dass man Hinweise unterschiedlicher Wichtigkeit, meist durch Farbcodes unterstützt, berücksichtigen sollte, während man viele andere Informationen eher nur zur Kenntnis nimmt. In diesem Fall wurde ich großflächig in Rot über die Hauptanzeige im Armaturenbrett – für ein Brett also recht viele und deutliche Informationen – belehrt.

Was tun bei potentiellem Druckverlust, mit dem PKW? Abfahrt bei der nächsten Tankstelle!

Um den Tankstellen-Aufenthalt sinnvoll zu nutzen, entschied ich zuerst zu tanken und dann den Reifendruck zu prüfen. Dabei fiel auf, dass ein Reifen viel zu wenig Luftdruck hatte; zum Glück waren die Anschlüsse für Luftdruck an dieser Tankstelle an jeder Zapfsäule vorhanden, sodass ich sofort vor Ort den Luftdruck nicht nur prüfen, sondern auch direkt korrigieren konnte. Dachte ich.

Ein Reifen ergänzte die Tankstellenumgebungsgeräusche um ein weiteres zierliches Zischen; ich hätte das fast überhört. Dieser Reifen gab die neue Luft sehr schnell wieder ab. Mist!

Sollte ich mir auf der Autobahn einen Nagel in den Reifen gefahren haben? Ausreichend Profil hatten die Reifen noch und der PKW war erst kürzlich in der Inspektion.

Jetzt stand ich hier mit einem Platten in Nordjütland – immerhin an einer Tankstelle mit Café.

Als erstes erkundigte ich mich in der Tankstelle nach einer Werkstatt, die samstags nachmittags noch Reifen reparieren könnte. Die sehr hilfsbereiten Damen und der Mann aus der Tankstelle fanden nach einigen Telefonaten heraus, dass die Werkstätten erst am Montag wieder öffnen würden, telefonierten dann noch mit einem großen dänischen Pannen- und Abschleppdienst. Hier war die Empfehlung – wenn möglich aufgrund der hohen Kosten – auf einen deutschen Versicherungspartner für Pannen auszuweichen.

Ich habe im Rahmen meiner Autoversicherung die Möglichkeit eine Mobilitätsgarantie in Anspruch zu nehmen; also gut: Hotline anrufen und Pannenfall ausrufen. Vorher: Versicherungsdaten auf dem Mobiltelefon heraussuchen, Standortadresse der Tankstelle notieren und anrufen.

Über die Versicherung wurde ein dänisches Pannenhilfe-Unternehmen beauftragt, mit kurzer Rückmeldung per SMS, dass man in etwa 60 Minuten vor Ort wäre. Zum Glück bot die Tankstelle gute Aufenthaltsmöglichkeiten mit freiem WLAN, einem Tankstellenshop für das Nötigste und vor allem Toiletten. Kurz vor Ablauf der 60 Minuten trudelte die Pannenrettung ein und nach kurzer Besichtigung wurde der defekte Reifen zur Reparatur demontiert. Es stellte sich dann jedoch heraus, dass eine Reparatur des Reifens kaum möglich war, da er auf der Innenseite erhebliche Defekte aufwies.

Was nun? Leihwagen ..und später den PKW wieder in Dänemark abholen; der Leihwagen müsste dann mit einer Anhängerkupplung ausgestattet sein für den Transport der Fahrräder. Es war ein Samstag im April, es hatte geschneit. Oder sollte man den Urlaub zwei Tage verlängern und alle Termine in der kommenden Woche verschieben?

Der sehr kreative Mitarbeiter der Pannenhilfe hatte einen Vorschlag; am Standort der Pannenhilfe gäbe es einen gut passenden gebrauchte Reifen, den man aufziehen könnte. Er schleppte also den PKW samt angehängter Fahrräder zum Pannendienst Standort ab. Dort angekommen fand sich ein Reifen, der fast sehr gut passte und er erklärte mir, dass der Reifen nur wenig größer (225/55 R17 anstelle 255/45 R17) als der Originalreifen wäre und er nach dem Aufziehen der Reifen diesen Reifen dann von hinten nach vorne wechseln würde, da mein PKW ja Heckantrieb hätte. Ich stutzte etwas und wies darauf hin, dass mein PKW außer dem Heckantrieb auch noch Vorderradantrieb besitzen würde und es sich bei dem PKW um einen Wagen mit Allradantrieb handele. Aufgrund der neuen Sachlage und der Tatsache, dass unterschiedlich große Reifen nicht gut auf einer angetriebenen Achse gemeinsam genutzt werden können, musste jetzt doch eine andere Lösung her.

Aber Kreativität entfaltet sich durch größere Herausforderungen oft weiter und führt zu weiteren Ideen. Der Mitarbeiter der Pannenhilfe hatte jetzt den Vorschlag zu einem PKW Ersatzteilhandel zu fahren, der samstags nachmittags noch geöffnet hat. Dieser Handel lag in entgegengesetzter Richtung wieder eher in der Nähe des Pannenortes, sodass mein PKW samt Fahrrädern wieder zurück abgeschleppt wurde und wir diese 60 Minuten zurück in Richtung zu diesem Handel fuhren. Vor Ort angekommen, gab es tatsächlich einen passenden Reifen. Ich war etwas verwundert, da der Handel eher wirkte wie eine Mischung aus kleinerem Baumarkt und Fahrradladen. Nun gut einen Reifen konnte ich kaufen, aber den Reifen auf die Felge aufziehen wäre erst am nächsten Tag morgens ab 9 Uhr möglich. Ich fragte verwundert nach und tatsächlich hat der Handel auch sonntags geöffnet und der Mitarbeiter, der Reifen auf Felgen aufziehen kann, wäre am nächsten Morgen vor Ort.

Also doch die Reise verlängern, aber nur um einen Tag? Der Ort, in dem der Handel lag, wirkte auf den ersten Blick interessant, mit kleinem Hafen, etwas hügelig im Tal, was in Nordjütland eher ungewöhnlich ist – also warum nicht noch einen Tag länger bleiben. Mir kam ein weiterer Gedanke in den Kopf; wie hätte der Pannendienstmitarbeiter denn diesen anderen Reifen, der nun nicht passte auf meine Felge aufgezogen.

Ich sprach noch mal mit dem Mitarbeiter und er meinte, er könnte mich wieder zum Standort der Pannenhilfe zurück abschleppen, wenn ich vorher den passenden Reifen kaufen würde, würde er eine Person kennen, die heute noch diesen Reifen auf meine Felge aufziehen kann. Ich müsse aber mit meiner Versicherung klären, ob diese die weiteren Abschleppfahrten übernehmen würde. Mehrere Telefonate später stand fest, dass mein PKW samt Fahrrädern und mit dem neuen Reifen im Gepäck wieder zum Standort des Pannendienstes abgeschleppt werden würde. Wir fuhren also wieder 60 Minuten durch Dänemark und ich war inzwischen sehr gespannt wie dieser Tag wohl enden würde und wann und wie die Reise enden würde.

Wieder beim Pannendienst angekommen machte sich der Mitarbeiter direkt daran, das Rad vom Auto zu demontieren. Ich wunderte mich etwas, dass obwohl er während der Fahrt fast ununterbrochen telefoniert hatte, uns keine zusätzliche Person vor Ort begrüßte, die etwa den Reifen auf die Felge montieren könnte. Um den Reifen zu demontieren, konnte der PKW auf dem Abschleppwagen verbleiben, so wie die ganze Zeit schon. Der PKW stand nun also auf drei Rädern aufgebockt auf dem Abschleppwagen und der Mitarbeiter verschwand mit dem Rad und dem neuen Reifen im Gebäude der Pannenhilfe.

Das Gebäude der Pannenhilfe hatte einen Seiteneingang von hinten und ein großes Tor vorne. Hinter dem Gebäude, das man als eine große Halle mit Waschbetonwänden und Blechdach beschreiben kann, parkte der Abschleppwagen mit meinem aufgebockten PKW. Ich wurde jetzt neugierig und betrat die Halle. Der Mitarbeiter erklärte mir, wo die Toiletten wären und beschäftigte sich mit dem Rad und dem defekten Reifen. Im Hintergrund konnte man einen Kompressor für Druckluft hören. Nach kurzer Zeit durchschaute ich die Situation: Der Pannendienstmitarbeiter entfernte gerade, nach dem der Kompressor für die Reifenmaschine ausreichend Druck aufgebaut hatte, den alten defekten Reifen von der Felge. Auf den zweiten Blick wurde mir klar, dass er solche Arbeiten nicht zum ersten Mal machte und dass er offensichtlich selber meinen neuen Reifen seiner Vorsehung zuführen würde. Einige Reifen- und Raddrehungen später konnte das jetzt mit neuen Reifen bestückte Rad wieder am PKW, der immer noch auf dem Abschleppwagen aufgebockt wartete, wieder montiert werden.

Nach wenigen Handgriffen des Mitarbeiters, mit einem Radmutterschlüssel mit langem Hebel, aber ohne Drehmoment konnte ich den PKW über die herabgelassene Rampe von dem Abschleppwagen herunterfahren, dankte dem Mitarbeiter recht herzlich und konnte die Rückreise endlich fortsetzen.

Eigentlich war das geplante Reiseende schon längst vergangen; die Reifenpanne hatte die Rückreisedauer fast verdoppelt und ganz stressfrei würde ich die Rückreise nicht beschreiben. Aber eigentlich habe ich in diesem Teil der Reise in relativ kurzer Zeit sehr viele, sehr hilfsbereite Menschen getroffen, die mich sehr gut unterstützt haben. Eben irgendwie ein besonderes Erlebnis.